FRÜHSTÜCK

Ich habe gestern Morgen gefrühstückt. Einen Espresso, zwei Scheiben Brot, Butter und Marmelade. Ich war noch müde und ich habe die Handgriffe der Zubereitung im Halbschlaf getätigt. Ich habe Wasser in den unteren Teil der Espressokanne gefüllt, bis zu dem Ventil am oberen Rand. Ich habe den siebähnlichen Einsatz eingelegt, die Küchenschranktür aufgeschoben und die Dose mit dem Espressopulver herausgegriffen. Zwei Löffel Pulver habe ich in den Siebeinsatz gefüllt, das Pulver mit der Unterseite des Löffels festgedrückt, die Kanne zugedreht und auf den Gasherd gestellt. Dann habe ich das Feuerzeug betätigt und gleichzeitig den Drehknopf am Herd. Es gab ein leises ploppendes Geräusch, und die Herdflamme hat unter der Espressokanne gebrannt und mit der Zeit das Wasser nach oben durch das Pulver hindurchgepresst. Das Geräusch, das dann folgte, war ein Gurgeln, und ich wusste: Der Espresso war fertig.

Gestern Morgen war kein besonderer Morgen, es sollte auch kein besonderes Frühstück werden, es stand nichts Besonderes an. Zwei Scheiben mit einem langen Messer vom Brot abschneiden, die Scheiben in den Toaster tun, die Butterdose und das Glas Marmelade aus dem Kühlschrank nehmen. Den Frühstücksteller hinstellen, die Besteckschublade aufziehen, ein Messer herausnehmen. Zur Haustür gehen, die Zeitung aus dem Briefkasten holen.

Ich aß also gestern Morgen getoastete Scheiben Brot und las die Zeitung nebenher und wusste nicht, wie es dazu kam, aber plötzlich schien es mir, als wären die Wände des Zimmers beschädigt, als hätte sich Putz abgelöst, als wären Steine aus der Wand herausgebrochen, an einigen Stellen. Ich legte die Zeitung beiseite, stand auf und ging in die Ecke des Raumes, an der das größte Loch klaffte, steckte den Kopf hindurch und blickte hinaus in den Garten. Es war früh am Morgen, die Sonne schien, aber es war noch frisch. Eine Amsel saß im Baum und sang. Ich lauschte einen Moment, zog dann den Kopf zurück, ging zum Tisch und aß weiter.

Ich war vertieft in die Zeitung, so dass ich erschrak, als ich aufblickte und einen Mann mittleren Alters sah. Er saß an meinem Esszimmertisch, trug einen Hut, einen verbeulten, und eine ausgeblichene grüne Jacke. Er hatte Ellenbogen und Unterarme auf den Tisch gelegt, lächelte mich an und schien überhaupt sehr vergnügt. „Schmeckt’s?“, fragte er und zeigte auf die Scheibe Brot in meiner Hand, von der ich gerade abgebissen hatte. Ich nickte und kaute, sagte: „Ja, ja“, und legte die verbliebene halbe Scheibe auf den Teller zurück. Ich wischte mir die Krümel vom Mund und sah aus Verlegenheit wieder in die Zeitung, ich hatte keinen Besuch erwartet. „Gute Ernte“, sagte der Mann. „Anfang August letzten Jahres, schöner Sommertag, ganz neuer Traktor, abgezahlt in vier Jahren, wenn alles gut läuft.“ „Ach“, sagte ich, „das wünsche ich Ihnen, dass alles gut läuft.“ Der Mann nickte und sah gedankenverloren über den Tisch. Woher er denn käme, fragte ich höflich, und er sagte: „Brandenburg, Güterfelde, Hof in vierter Generation, 46,3 Hektar.“

Ich blickte durch das größte Loch in der Esszimmerwand hinaus in den Garten und dachte darüber nach, wie groß 46,3 Hektar sind und was wohl ein Traktor kostet. Dann wandte ich mich erneut meinem Teller zu und aß mein Frühstück weiter. Ob er den Weizen in meinem Mund auch mit Hilfe des neuen Traktors ausgesät habe, im Herbst des Jahres davor, wollte ich den Mann gerade fragen, als ich merkte, dass sich noch andere Menschen an meinen Tisch gesetzt hatten. „Guten Morgen“, sagte ich und die Gäste sagten ebenso: „Guten Morgen.“ Eine Frau mit robuster Jacke saß mir gegenüber und zeigte auf meine angebissene Brotscheibe: „Schmeckt’s?“, fragte sie und lächelte, „Butter von meinen Kühen.“ „Oh“, sagte ich, „angenehm. Gehe ich recht in der Annahme: Sie haben die Kühe gemolken?“ „Ja“, sagte die Frau, „Hof Oldeborg, Niedersachsen, morgens, zwanzig vor sechs.“ „Na“, sagte ich, „das ist ja was.“ „Und die Marmelade?“, fragte eine jüngere Frau, die neben der anderen saß. Sie hatte einen leichten Akzent und sah mich zweifelnd an. „Ja, vorzüglich!“, sagte ich schnell, und das Gesicht der Frau hellte sich auf. „Habe ich gepflückt, im Juni, vier Wochen lang, von sechs bis sechs, mit der ganzen Familie.“ „Oh“, sagte ich, „richten Sie bitte verbindliche Grüße aus.“ „Gerne“, sagte die Frau, „die Erdbeeren auf Ihrem Brot habe ich aber alleine gepflückt, am 10. Juni, ich weiß es genau. Sehen Sie? Mit diesen Händen.“ Sie streckte mir ihre Hände entgegen, es waren lange, kräftige Hände, und ich nickte ihr freundlich zu. „Nun“, sagte ich und blickte dabei in die Runde, „wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich noch etwas weiterfrühstücken, ich muss nämlich gleich zur Arbeit, ich wusste nicht, dass Sie kommen.“ Alle nickten, und der Mann mit dem Hut lüftete diesen kurz und sagte: „Natürlich, wir bitten darum.“

Ich führte meine Espressotasse zum Mund und konzentrierte mich auf das Trinken und konnte dennoch aus den Augenwinkeln heraus sehen, wie ein Mann und eine Frau mit zwei Kindern durch das Loch an der Esszimmerecke kamen. „Guten Morgen“, sagten sie und setzten sich an den Tisch. „Schmeckt’s?“, fragte die Frau und zeigte auf meine Tasse, während sie das jüngere Kind von ihrem Schoß hob, um es auf den Boden zu setzen. „Ja, sehr“, erwiderte ich und ahnte schon, was jetzt kommen würde. „Aus der nächstgelegenen Plantage von unserem Dorf.“ „Aha“, sagte ich, „wo ist denn Ihr Dorf?“ „Fünf Busstunden von Matagalpa entfernt, Nicaragua, und dann dreieinhalb Stunden zu Fuß.“ „Ganz schön weit“, sagte ich, „und Sie haben den Kaffee gepflückt, nehme ich an?“ „Ja, natürlich“, sagte der Mann, „die Bohnen der Tasse, die Sie gerade trinken. In der Erntezeit wandern wir zur Plantage runter.“ „Ach“, sagte ich, „und jeden Abend zurück?“ Die beiden lachten. „Nein, das ist zu weit. Wir haben Hängematten dabei.“

Während ich mit den beiden aus Nicaragua sprach, waren immer mehr Menschen durch die größer werdenden Löcher meines Esszimmers gestiegen. Nun ist das Zimmer nicht allzu groß und am Tisch gab es schon jetzt keinen Platz mehr. Ich stand auf, um die Neuankommenden zu begrüßen. Eine Französin, die Sonnenblumen anbaute, eine Aachenerin, die in einer Fabrik Marmelade kochte, ein Bauer aus Tschechien, Zuckerrüben sein Metier, ein junger Mann aus Thüringen, der in einer Mühle ein Praktikum machte, eine Kaffeerösterin aus Bremen, ein Lkw-Fahrer mit bulgarischen Wurzeln, ein Gießer aus einer chinesischen Porzellanfabrik und ein Lagerarbeiter aus Schweden. Sie alle betrachteten mein bescheidenes Frühstück. Das Zimmer wurde dabei immer voller. Wir rückten den Tisch und die Stühle beiseite, ich aß den letzten Bissen unter Applaus, trank den letzten Schluck von dem Espresso, hielt die leere Tasse in die Höhe, wieder Applaus, und stellte sie ab. Dann standen alle herum und redeten durcheinander. Ich klatschte zweimal laut in die Hände und sagte: „Sehr geehrte Damen und Herren, darf ich Ihnen auch etwas anbieten? Wie wäre es mit einem Wasser, einem Saft, einem Sekt? Obst hätte ich auch noch da, und …“ Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, alle jubelten, als mehrere Leute aus dem Garten hereinkletterten – Orangenpflückerinnen, Flaschenhersteller, Obstbewässerer, Verkäuferinnen. Sie kamen aus Spanien, Marokko, Tunesien, aus Belgien und aus der Türkei. Irgendjemand brach noch mehr Steine aus der Wand, so dass der Zugang zum Garten frei war. Ich leerte meinen Kühlschrank und ging in den Keller, stellte alles, was ich finden konnte, im Esszimmer auf den Tisch. Die Leute hielten die Lebensmittel in die Höhe und zeigten dabei mit einem Finger auf sich oder auf ihre Nachbarin. Alle klopften sich auf die Schultern, man lachte und prostete sich zu.

Ich bin nicht zur Arbeit gegangen, ich konnte ja nicht, ich habe meine Gäste bewirtet. Es wurde ein großes Fest. Zwischendurch habe ich überlegt, warum die Wände eigentlich Löcher bekommen hatten und wie ich sie wieder stopfen würde, und was wäre, wenn mir das nicht gelänge. Mir ist ein bisschen schwindelig geworden bei dem Gedanken. Ich habe mir eine Pause gegönnt, von dem Trubel im Esszimmer, und bin leise in mein Arbeitszimmer gegangen. Ich habe den Computer angestellt, sofort saßen fünf Chinesen auf meinem Sofa. Ich habe ihn schnell wieder ausgestellt. Dann bin ich in das Zimmer mit meinen Büchern gegangen. Überall standen die Menschen, die die Bücher geschrieben, gesetzt und gedruckt hatten, sie zeigten sich gegenseitig ihre Werke. Der Raum war viel zu eng, es schoben sich auch Holzfäller, Dreherinnen, Tischlerinnen und Teppichweber durch das Gedränge, und einige waren schon dabei, die Wände abzubauen. Ich flüchtete mich in das Badezimmer, wischte mir den Schweiß von der Stirn und wusch mir die Hände. Ein Seifenhersteller trat ein, und eine Frau aus einer Handtuchfabrik. Eigentlich wollte ich ein frisches T-Shirt anziehen, aber ich wagte mir nicht auszumalen, was in meinem Kleiderschrank los war. Ich beschloss, sobald wie möglich eine Baufirma zu bestellen, vielleicht noch eine weitere Firma für eine Extraladung Zement.

Ich bin zurück in mein Esszimmer gegangen, also in das, was von ihm übrig war, und von dort in den Garten. Ich habe getrunken und mich durch die Menge treiben lassen und zwischendurch Pizza und Wein für alle bestellt. Immer mehr Menschen kamen hinzu, Pizzabäcker und Winzer, und Musikinstrumente wurden gespielt. Ich habe einmal, zwischen zwei langen Gesprächen, verwundert gegen die Reste einer Wand des Esszimmers geklopft, sofort fiel ein Stein heraus. Ich verstehe das nicht. Ich weiß nicht, was mit den Wänden ist.

Das Fest ging bis spät in die Nacht.

Die nächste Lesung

ist am 17. Januar 2019 in Wildeshausen. Nähere Angaben stehen hier.

Die Bundeszentrale für politische Bildung

hat Leute machen Kleider in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Bei Spiegel Online, taz, FAZ, WeserKurier und Radio Bremen

erschien dieses Interview, diese Rezension und diese sowie jener Bericht und dieses Interview.

Übersetzt

wurde Verschwunden in Deutschland ins Niederländische: "Verdwenen in Duitsland".

Der WeserKurier schrieb im Januar 2018 über das Buch so.

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