Ettersberg

Ich bin von Ottmannshausen nach Hottelstedt gelaufen, an einem Samstag im April, dem elften. Es war Karsamstag, die Sonne schien und es war außergewöhnlich warm. Die Kirschblüten haben sich an diesem Tag geöffnet, sehr früh im Jahr, kleine Bälle, die klappten ihre Blätter nach außen und schmückten die noch kahlen Äste prachtweiß. Ottmannshausen und Hottelstedt liegen im Thüringer Becken. Dort ist Thüringen nicht voller Wald und auch ohne Hügel, es ist flach und es geht zweieinhalb Tage geradeaus, wenn man von Sachsen nach Hessen läuft oder andersherum. Die Felder sind weit und die Wege schnurgerade, an ihren Rändern stehen Kirschen und Schlehen. In der Luft liegt der Lärm der Bundesstraße und über den Feldern kreist ab und zu ein Milan. Einen Berg gibt es trotzdem, einen einzigen, das ist der Ettersberg. Er ist 477 Meter hoch, acht Kilometer lang und drei Kilometer breit. Hier wächst der einzige Wald der Umgebung, vor allem Eichen und Buchen, also: Eichen- und Buchenwald. Am Fuß des Berges liegt Weimar, auf dem Berg scheiden sich Ilm und Unstrut. Und am Nordrand des Berges liegen ein Park und ein Schloss, im Stil des Barock. Herder war auf dem Schloss, und Schiller und Goethe. Und Goethe, der gern gewandert ist, erwähnte den Berg in seinen Schriften. Wer wandert, läuft ungern durch Tieflandgebiet.

 

Ich bin von Ottmannshausen nach Hottelstedt gelaufen und der Berg lag zu meiner Linken. Ganz nah, nur ein, zwei Felder entfernt. Auf den Feldern standen dünne Halme, sehr grün, noch nicht hoch gewachsen, junger Weizen. Und rechts von dem Weg wuchs Raps, lange noch vor der Blüte, aber ich konnte ihn trotzdem schon riechen. Über den Feldern sangen Lerchen, mitten am Tag, sehr weit oben. Ich habe nach ihnen geschaut, aber ich habe sie nicht gesehen. Der Wald begann hinter dem Weizen, die Buchen waren noch kahl, und der Berg stieg dort steil an. In Ottmannshausen hätte ich abbiegen müssen. Um auf den Berg zu steigen. Ich hätte den Feldweg nehmen müssen, nach links, in den kahlen Wald hinein. Wäre hoch gelaufen, zweieinhalb Kilometer, wäre außer Atem gekommen, hätte die Hände in die Seiten gestemmt. Verschnauft. Die Schultern nach vorne gezogen. Wäre eingetreten. Eine Jugendherberge ist dort, eine Begegnungsstätte, ein Mahnmal. Ausstellungen. Ich wäre einen Tag lang geblieben. Hätte übernachtet, gefrühstückt. Ich bin aber in Ottmannshausen nicht in den Feldweg gebogen. Ich bin auf der Straße geblieben, bin durch das Dorf hindurch gegangen und aus dem Dorf wieder hinaus. Der Asphalt endete schnell, in der Mitte des Weges war Gras, und links von dem Weg waren Felder, auf denen wuchs, wie gesagt, junger Weizen.

 

Sie wussten nicht, wie sie es nennen sollten. Ettersberg stand für Goethe, für die Klassik, für Weimar. In ihren Augen für die höhere, die deutsche Kultur. Hottelstedt stand für weniger Geld. In Weimar zahlte man den Ausführenden mehr. ‚K.L. Hochwald, Post Weimar’ schlug Theodor Eicke vor, Inspekteur des Lagers, 1937. Heinrich Himmler, ‚Reichsführer-SS’, entschied: ‚K.L. Buchenwald’. Buchenwald wurde eines der größten Lager auf deutschem Boden. Ein Arbeitslager. Vorbestrafte. Politische Gefangene. Sowjetische Kriegsgefangene. Juden. Homosexuelle. Wohnungslose. Zeugen Jehovas. 56.000 Tote.

 

Sie sagte: „Dreimal waren wir dort. Mit der Klasse. Und den Jungpionieren. Das war genug.“ Sie blieb stehen, zog die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank. Ich sah ihr zu. Ihr Gesicht war rot, von der Sonne und vom Laufen. Sie sagte: „Dreimal, das reicht doch, oder?“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „So viel Betroffenheit.“ Sie drehte die Flasche zu, gab sie mir, dass ich sie festmache am Rucksack, dann gingen wir weiter. Sie sagte: „Im Studium sind wir in die Fußgängerzone. In Weimar. Als Clowns. Haben mit den Leuten geredet. Ob sie ein Gedicht für die Toten aufsagen. Die Toten von Buchenwald. Nein? Warum denn nicht? Sie tun damit etwas für die Toten.“ Sie sagte: „Manche haben es gemacht. Und wir sprachen es dann mit, das Gedicht. Das Gute war, als Clowns lassen die Menschen dich an sie heran.“ Sie lächelte und drehte sich zu mir im Gehen, der Hund lief zwischen uns. Sie trug ein Tuch im Haar und ihre Wanderschuhe waren nicht geschnürt, die Blasen waren noch nicht verheilt. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Sie schien die ganze Zeit über schon, als wäre der Sommer schon da.

 

Wie kannten uns seit Merseburg. Wir liefen beide von Sachsen nach Hessen und Merseburg lag auf dem Weg. Wir trafen uns zufällig, abends, in einer Kirche. Ich war die Stufen des Turms hinauf gestiegen, war auf die Empore getreten, und sie hat da im Schlafsack gelegen. Der Hund saß neben ihr und sah mich an, wusste nicht, ob er mich anknurren sollte. Wir waren erstaunt. Wir hatten keine Gesellschaft erwartet. Sie rutschte beiseite, ich holte meine Sachen aus dem Rucksack, wir sagten uns Gute Nacht. Später schreckte ich hoch, der Hund roch an meinem Gesicht. Ich verscheuchte ihn und lag lange wach. Es war sehr kalt in der Kirche.

 

Sie sagte: „Dann sind wir rauf. Auf den Berg. Mit einer Gruppe. Wahrnehmungsübungen. In die Steine spüren. Haben germanische Mythologie gelesen. Darüber geredet.“ Sie sagte: „Glaub mir, der Ort hat Kraft. Es ist ein besonderer Ort. Odin ist dort zu spüren.“ Sie formte ihre Hände zu einem Kreis. „Die Menschen im Lager werden die Wärme gespürt haben. Sie haben Gemeinschaft gehabt.“ Sie nickte, sie sagte noch einmal: „Gemeinschaft.“ Sie drehte sich zu mir, ich blickte auf, und der Hund war nicht mehr da. Er war auf das Feld gelaufen, er hatte irgendetwas gerochen, sich auf den Rücken geworfen, die Beine in die Luft gestreckt. Ich formte eine Hand um den Mund und rief nach ihm, lautstark, ein paar Mal.

 

Ob ich etwas gegen Wahrnehmungsübungen hätte. Oder gegen Gedichte. Warum ich plötzlich so schnell ginge. Und was jetzt mit mir wäre. Ob ich noch auf den Berg steigen würde. Ich habe den Kopf geschüttelt. Dann genickt. Es käme ganz darauf an. Gesagt, dass ich aufgewühlt sei. Dass ich deshalb so schnell gehen würde. Mit dem Aufstieg, dass ich das noch nicht wisse. Sie setzte den Rucksack ab, sagte, man sähe sich dann in Erfurt. Heute oder morgen, je nachdem. Und was sie beträfe, sie mache jetzt eine längere Pause.

 

Ich bin die Strecke von Ottmannshausen nach Hottelstedt alleine gelaufen. Ich bin sie sehr schnell gelaufen. Ich ließ den Weizen hinter mir und den Raps. Dann kamen die Viehweiden. Stacheldrahtzäune. Zur Rechten der weite Blick in das Land. Ich ließ den Berg hinter mir. Hottelstedt, zwei Kilometer entfernt. Dort, im Dorf, ein Feldweg nach links, ein kleiner Umweg, hinauf in den Wald. Dort könnte ich noch abbiegen. Hinauf gehen. Die Schultern nach vorne ziehen. Dass ich „verändert“ herunter käme vom Berg. Dass ich den „Friedhofsboden“ unter den Füßen „spüren“ würde. Dass ich „das“ gesehen haben müsse. Notizen im Wanderbegleiter. Hier. Eine Sehenswürdigkeit. Ein Erlebnis. Das Gras in der Mitte des Weges wurde breiter. Auch höher, es setzte sich ab, von den Spuren für die Traktoren. Die Erde der Spuren war hart und blassbraun, viele große und kleine Steine. Es war einfacher, die Füße auf dem Gras aufzusetzen. Ich hielt einen Stock in der Hand, setzte ihn hart auf, gleichmäßig zum Schritt, jedem zweiten. Mein Atem war laut, die Sonne war warm und ich spürte den schweren Rucksack nicht mehr.

 

Für die Häftlinge. Nicht alle. Einige. Es gab eine Kinobaracke. Sport- und Kulturveranstaltungen. Ein Lagerbordell. Als „Antriebsmittel für höhere Leistungen“. Tischdecken und Blumen. 16 Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Für die ‚SS-Totenkopfstandarte Thüringen’. Es gab Kasinos, Waffenkammern, Schieß- und Exerzierplätze, Großgaragen, zwei Tankstellen. Für ihre Familien. Einen Zoo. Einen Falkenhof und ein Wildgehege. Ein Bordell für „fremdvölkische“ Wachmänner. SS-Männer aus der Ukraine. Keine deutschen, polnische Frauen, KZ Ravensbrück. Für Karl-Otto und Ilse Koch, Lagerkommandanten und Frau, für sie alleine. Pferde. Eine Reithalle. Ein 55 Meter langer Pferdestall. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen. Eine Genickschussanlage. Es gab einen Elektrozaun, 23 Wachtürme, 50 Baracken, einen Appellplatz. Es gab Verbrennungsöfen der Firma ‚Topf & Söhne’, ein Quarantänelager, medizinische Versuche, einen Steinbruch, den Rüstungsbetrieb ‚Gustloff-Werft II’ und die ‚Deutschen Ausrüstungswerke’. Es gab eine Inschrift am Lagertor: Jedem das Seine.

 

Das Lager wurde am 11. April 1945 befreit. Die Häftlinge haben geholfen. Schutz gab die 3. U.S. Armee. Den Bewohnern von Weimar wurde ein großer Holzkarren gezeigt, voller abgemagerter Toten. Aufgeschichtet. Sie sollten sich dazu verhalten.

 

7. Klasse. Politikunterricht. Nicht Thüringen. Nordrhein-Westfalen. Der Lehrer schiebt ein Videogerät in den Raum. Er macht einen Film an. Er sieht aber nicht auf den Film, er sieht in unsere Gesichter. Der Film flackert los. Schwarzweiß-Aufnahmen. Ein Mensch schleift eine große Puppe hinter sich her, durch den Dreck. Die Haare der Puppe sind filzig und lang. Die Puppe ist nackt. Der Mensch wirft die Puppe auf einen Haufen mit anderen Puppen. Vielen anderen Puppen. Alle sind nackt, viel zu dünn, niemand hat ihre Haare gekämmt. Andere Menschen zünden den Haufen an, halten sich Tücher vor das Gesicht. Ich stehe auf. Ich schiebe den Holzstuhl leise zurück. Ich gehe raus. Ich schließe die Tür hinter mir. Das waren keine Puppen. Ich laufe über den leeren Schulhof. Ich gehe zum Schulklo. Ich lehne mich an die weißen Kacheln. Ich betrachte die Fingernägel. Ich zähle die Waschbecken. Ich wasche mir die Hände sehr langsam. Nebenan rauscht eine Spülung. Ich trete hinaus. Ich sehe in den Himmel. Wolken, wie sehr dünne Zuckerwatte, eigentlich schön. Ich gehe über den leeren Hof, zurück in die Klasse. Der Film ist vorbei. Der Lehrer dreht sich zu mir. Er sagt: „Alles OK?“ Ich zucke mit den Achseln: „Na klar, alles OK.“

 

Ich bin nach Hottelstedt gelaufen, ich bin durch den Ort hindurch gelaufen. In die Senke hinein, dann wieder hinaus. Es war Mittag und ich habe keinen Menschen gesehen. Am Ende des Dorfes standen Geflügelanlagen. Langgezogen, Wellblech, keine Fenster. Dazu gelbe Silos, immer zwei nebeneinander. Die Belüftungsanlagen rauschten. Der Asphalt ging in den Feldweg über. Zwei Spitzmäuse rannten über den Weg. Die eine rannte hinter der anderen her. Ich verlangsamte meinen Schritt. Mein Atem beruhigte sich. Ich lockerte die Tragriemen des Rucksacks. Ich legte den Stock über die Schultern. Die Sonne war außergewöhnlich warm. Bis Erfurt waren es 19 einhalb Kilometer.

Die nächste Lesung

ist am 17. Januar 2019 in Wildeshausen. Nähere Angaben stehen hier.

Die Bundeszentrale für politische Bildung

hat Leute machen Kleider in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Bei Spiegel Online, taz, FAZ, WeserKurier und Radio Bremen

erschien dieses Interview, diese Rezension und diese sowie jener Bericht und dieses Interview.

Übersetzt

wurde Verschwunden in Deutschland ins Niederländische: "Verdwenen in Duitsland".

Der WeserKurier schrieb im Januar 2018 über das Buch so.

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