Eigentlich

Letzte Woche habe ich meinen Traum umgebracht. Den Traum, den man als Kind schon hat: Wie die Welt sein soll, wenn man groß ist, was aus einem später mal wird. Jetzt fehlt mir mein Traum. Er war die ganze Zeit über da. Viele Jahre lief er hinter mir her, ich musste mich einfach nur umdrehen. Er war groß, ein wenig unbeholfen und behäbig. Er war unverwundbar. Auf den Fußballfeldern, auf denen ich rannte, lief er mir nach; die Bälle, die ihn trafen, bemerkte er nicht. In den Schulräumen, in denen ich Jahre verbrachte, drückte er sich an den Wänden entlang, in den Hörsälen der Uni saß er in der letzten Reihe, den Kopf in die Hände gestützt, und auf Wanderungen stand er ungerührt in Gewitter und Steinschlag, während ich schutzsuchend unter Felsvorsprünge kroch. Er war zurückhaltend. Er drängte sich nie auf. Im Gegenteil. Er war sehr schweigsam. Er ließ mich eine Ausbildung wählen und ein Studium, er ließ mich reisen und ratlos sein, den Überblick verlieren und den Weg. Er lief hinter mir her und sah zu. Vielleicht hätte er manchmal lauter sein sollen. Wer weiß. Vielleicht war es auch gut so, dass er schwieg, dass er nur im Hintergrund da war. Jetzt ist es eh egal.

 

Sein Tod, ich kann nichts dafür, es war reine Notwehr. Wäre er der Alte geblieben, es wäre nicht dazu gekommen. Ich hatte ja nichts gegen ihn, ganz und gar nicht, ich mochte ihn, er war mein treuer Begleiter. Aber er hatte sich stark veränderte, das war im dreißigsten Jahr: Er begann aufdringlich zu werden. Er saß nicht mehr nur herum und er lief nicht mehr nur hinter mir her. Er schnitt mir die Wege ab und sah mich durchdringend an. Zuerst. Ich nickte ihm freundlich zu. Aber das schien ihm nicht zu genügen. Er begann, vor mir her zu laufen, er versperrte mir die Sicht auf die Welt. Sein breiter Rücken schwankte im Gehen und ich tippte ihm auf die Schulter, dass er Platz machen solle, aber er drehte sich nicht einmal um. Zähneknirschend blieb ich hinter ihm. Ich glaube, das war der Fehler. Ich hätte gleich durchgreifen sollen. Ich ließ ihn zu lange gewähren. Aber ich hatte in der Zeit andere Sorgen: Was aus mir werden würde, wo ich mein Geld hernähme, wem ich meine Arbeitskraft anbieten könne. Es sah nicht gut aus um mich herum. Und dazu sein schaukelnder Rücken vor mir. Ich konnte gar nichts mehr sehen.

 

Wir haben nie miteinander gesprochen. Träume reden nicht, Träume sind. Ich habe ihm also nie erzählt, dass ich nichts gegen ihn hatte. Dass ich mich gerne umgedreht und nach ihm geschaut habe, vor allem in sentimentalen Momenten, wenn ich dachte: So müsste es eigentlich sein. Oder wenn ich mich alleine fühlte, mit den Anforderungen der Welt. Er gehörte ja schon immer zu mir. Er war das Band in die Kindheit, in die Zeit, in der ich unumstößlich wusste: So ist es gut und so wird es sein. Da wir nicht miteinander sprachen, haben wir auch nicht miteinander gestritten. Es kam trotzdem zu einem Eklat.

 

Ich saß in einem Bewerbungsgespräch. Davon hatte ich nicht so viele, es war ein besonderer Tag. Ich trug mein schickes Hemd und ich schwitzte. Fünf Tage würde ich arbeiten, einen halben Tag Zug fahren, hin, einen halben Tag Zug fahren, zurück, blieben zwei halbe Tage, die hätte ich frei. Ich tat so, als würde ich nicht schwitzen, alles lief gut. Mein Traum war wie immer dabei. Saß in der Ecke und lauschte. Alles soweit normal. Dann aber hob er seinen Arm und zeigte auf meine schwitzenden Achselhöhlen. Ich redete betont gelassen weiter aber machte Handbewegungen in seine Richtung, er solle sich still verhalten, nicht dass die Herren vor mir etwas merkten. Mein Traum dachte gar nicht daran. Er stand auf, setzte sich auf meinen Schoß und sprach - perfekt nachgemacht - in meiner Stimme: „Könnte ich einen Tag Home Office machen?“ Ich merkte, dass ich begann, noch mehr zu schwitzen, denn er hätte ebenso sagen können: „Dürfte ich Sie mal kurz am Arsch lecken, bitte?“ Oder: „Ich möchte eigentlich nicht die nächsten Jahre in ihrem hässlichen Asbestbau verschimmeln.“ Oder: „Erscheint Ihnen Ihre Lebenszeit nicht auch verdammt kurz? Was möchten Sie denn erreichen? Was möchten Sie eigentlich tun?“. Ich versuchte meinen Traum vom Schoß zu schubsen, aber er war viel zu schwer. Er saß dort noch ein bisschen, ich trommelte mit den Fäusten auf seinen Rücken, dann stand er auf und setzte sich in die Ecke. Die Herren vor mir lächelten. Ich lächelte auch. Sie nickten sich zu und sagten: „Wir hören dann voneinander, vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

 

Wie bringt man den Traum aus der Kindheit um? Wie haben die anderen das gemacht? Wo sind all die behäbigen Wesen? Oder waren sie nicht so behäbig? Waren schwächlich und blutarm, ohne Puste, sind längst schon an Altersschwäche gestorben. Träume werden nicht dreißig.

 

Wir fuhren erst Zug. Dann gingen wir am Fluss entlang nach Hause. Vor mir der schaukelnde Rücken. Ich kochte vor Wut. An einer Stelle, wo wenige Menschen waren, sprang ich von hinten auf ihn drauf und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Mein Traum war überrascht und drehte sich um die eigene Achse. Ich hing über seinen Schultern und schlug immer wieder zu. Er schwankte und stürzte ins Gras, er hielt sich die Hände vor den Kopf, um sich zu schützen. Ich saß auf ihm und mir tat die Faust weh, ich bin ja auch kein Schlägertyp. Er schaffte es, mich hinunter zu schubsen, ich sprang auf die Füße, doch er trat mir gegen das Knie, alter Kämpfertrick, und ich verlor das Gleichgewicht und fiel. Er rollte sich in die Hocke, holte aus und schlug mir mit einem schweren Schlag auf die Hüfte. Das tat richtig weh und ich hinke deswegen bis heute. Drei Spaziergänger kamen angelaufen. Ich hätte alleine keine Chance gehabt. Es braucht viele Hände gegen einen kämpfenden Traum. Sie hielten ihn fest und ich griff nach meinem Handy und rief einen der Herren an. Dass es ein Spaß gewesen sei, mit dem Home Office, dass ich überhaupt gar kein Home habe, keine Menschen, keine Arbeit und keine Ideen, die mein Leben schon längst bewohnten und meine Tage ausfüllten. Dass es für mich nichts anderes auf der Welt gäbe, als das Office in seinem Asbestbau. Ob ich mein Bett dort aufstellen könne, ich würde auch samstags und sonntags dort bleiben. Meine Nase blutete als ich das sagte, aber ich klang sehr beherrscht. Der Herr am anderen Ende der Leitung war zufrieden. Er sagte mir die Stelle gleich zu. Dann zögerte er. Ob alles in Ordnung sei, das Stöhnen im Hintergrund, als ob jemand stürbe, es klänge doch sehr befremdlich. Ich versicherte ihm, dass alles okay sei, legte auf und wischte mir das Blut von der Nase. Mein schickes Hemd war jetzt dahin. Die Spaziergänger hielten den Traum nicht mehr fest, er lag reglos auf der Wiese. Er sei bei dem Telefonat widerstandslos geworden, als ob das Leben aus ihm herausgeströmt sei, vielleicht wäre es besser, doch einen Arzt zu rufen. Ich bedankte mich, ich sagte, dass es nicht nötig sei, ich kniete mich zu meinem Traum und tätschelte ihm die Wange.

 

Ich wusste nicht, dass er davon stirbt. Von einer kleinen Schlägerei am Fluss. Ich konnte das nicht vorhersehen. Ich bin nicht Schuld an seinem Tod. Ich wollte ihm nur eine Abrechnung verpassen. Dass er mir nicht diese Stelle versaut. Dass er mir nachher noch mein Leben versaut. Das konnte ich doch nicht zulassen. Es war reine Notwehr. Ich mochte ihn ja, er gehörte doch immer zu mir. 

 

Ich habe ihn auf meine Schultern genommen. Er war sehr schwer, aber nicht mehr so schwer wie vor unserer Prügelei. Ich habe ihn nach Hause getragen. Ich habe ihn gewaschen und ich habe auch ein bisschen geweint. Jetzt liegt er hier auf meinem Bett. Ich schlafe seit Tagen schon auf dem Sofa. Wo beerdigt man einen Traum? Wie haben die anderen das gemacht? Ich habe schon rumgefragt aber niemand konnte mir was dazu sagen. Nächste Woche beginnt meine Stelle. Ich werde ihn mitnehmen müssen. Bis sich das klärt. Ich werde ihn auf meinen Schultern dort hintragen, ihn in die Ecke setzen, so wie früher, in die Ecke von meinem neuen Büro.

 

Die nächste Lesung

ist am 17. Januar 2019 in Wildeshausen. Nähere Angaben stehen hier.

Die Bundeszentrale für politische Bildung

hat Leute machen Kleider in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Bei Spiegel Online, taz, FAZ, WeserKurier und Radio Bremen

erschien dieses Interview, diese Rezension und diese sowie jener Bericht und dieses Interview.

Übersetzt

wurde Verschwunden in Deutschland ins Niederländische: "Verdwenen in Duitsland".

Der WeserKurier schrieb im Januar 2018 über das Buch so.

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