Als Imke Müller-Hellmann 2007 im 54., „Geschichten aus der Provinz“ betitelten Erker ihren Text „Namen in Ostfriesland“ veröffentlichte, konnte sie sich vermutlich kaum vorstellen, dass er die Keimzelle ihres jüngst erschienenen Buchs Verschwunden in Deutschland. Lebensgeschichten von KZ-Opfern. Auf Spurensuche durch Europa sein würde. Im Erker berichtete sie in lakonischem Stil von ihrer Großmutter Elli und deren ostfriesischen Vorfahren, von der Gegend, in der sie gelebt haben, und von dem KZ-Außenlager, das 1944 für zwei Monate in Engerhafe bei Aurich – und damit vor Ellis Haustür - eingerichtet wurde und wo von den 2200 Zwangsarbeitern 188 an Entkräftung und Krankheiten starben. Wie die Großmutter, damals 27 Jahre alt, haben fast alle Engerhafener die Erinnerung an diesen Schandfleck und an Leid und Tod der Inhaftierten gescheut, die von August bis Oktober am „Friesenwall“ mitbauen mussten, an Verteidigungsanlagen also, die eine erwartete Invasion der Alliierten an der deutschen Nordseeküste abwehren helfen sollten.

An dieses militärisch sinnlose Projekt, das für Aurich nach zwei Monaten für beendet erklärt wurde, hat auch mein Vater noch genaue Erinnerungen, denn er wurde als Vierzehnjähriger wie hunderte, wenn nicht tausende HJ-Pimpfe in den Herbstferien zu Schanzarbeiten Richtung Küste verschickt, wo er bei Wilhelmshaven unter dem Kommando eines kriegsversehrten Unteroffiziers Gräben ausheben und Unterstände bauen musste. Anders allerdings als die aus Hamburg abkommandierten KZ-Häftlinge bekamen die Jugendlichen passables Quartier bei Bauern im Stall, wurden vom BdM verpflegt und hatten reguläre Schichten, bei denen sie sich nicht überarbeiteten. Der Krieg war ja verloren, wie fast allen klar war – nur sagen durfte man es nicht.

Dass Imke Müller-Hellmann es nicht bei ihrem kurzen Text über die Weigerung ihrer Großmutter beließ, sich mit dem damaligen Unrecht, dessen Augenzeugin sie war, auseinanderzusetzen, sondern nach einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme den Entschluss fasste, Nachfahren der Opfer aufzusuchen - und zwar auf eigene Initiative und auf eigene Kosten -, diesem Entschluss und seiner Umsetzung verdanken wir dieses Buch, das zu elf der 188 Namen eine Familiengeschichte erzählt, entwickelt aus Gesprächen mit den Angehörigen der Toten, die so erstmals ein Gesicht bekommen, mehr sind als bloße Namen auf einem Gedenkstein auf dem Friedhof von Engerhafe.

In die Niederlande ist die Autorin gefahren, nach Polen, Frankreich und Lettland, nach Dänemark, Slowenien und selbst nach Spanien, um mit den Familien diese Biografien zusammenzutragen und die Fehlstelle zu markieren, die der Tod dieser Menschen in ihrem Umfeld hinterlassen hat – das Fehlen des Vaters, Bruders, Onkels, Großvaters. Wir erfahren so von einem Menschen, der bis zu seiner Verhaftung und Verschleppung Drucker war. Oder von einem im Widerstand aktiven Mitarbeiter des Philips-Konzerns. Wir erfahren von den haarsträubenden Umständen, unter denen diese Menschen der Besatzungsmacht auffällig wurden und – meist 1943/44 – verhaftet und in deutsche KZs verbracht wurden. Imke Müller-Hellmann beschreibt diese Lebensgeschichten mit einer teilnehmenden Lakonie, die unmittelbar zu Herzen geht und zugleich den kritischen Verstand fordert. Wir erleben lesend Einzelschicksale nach und können uns nicht hinter abstrakten Zahlen verstecken oder hinter Namen von KZs, hinter den bis zum Überdruss durchgenudelten Daten und Fakten, die sich wie eine undurchdringliche Wand zwischen den Schrecken und die Nachgeborenen der Tätergeneration geschoben haben. Und das ist die große Leistung des Buchs: dass es den längst im abstrakten Geschichtswissen entsorgten Schrecken zurückholt, ohne je zu den süßlichen Mitteln der Betroffenheits- und Überwältigungsästhetik zu greifen, die einmal womöglich ziehen, die derart Angegangenen aber oft abgestumpft zurücklassen. Die Autorin dagegen lässt in den Familiengesprächen Menschen auferstehen, die unsere Nachbarn sein könnten, gleich nächste Tür, und sich nicht mehr zuschulden haben kommen lassen, als ihre Familie, ihre Stadt, ihr Land zu lieben und anständig geblieben zu sein.

Besondere Kraft freilich gewinnt das Buch dadurch, dass es nicht nur elf Opfergeschichten erzählt, sondern zum Schluss auch das Leben der von der Autorin innig geliebten Großmutter Elli, der Frau also, die an das Unrecht, das sie mit Mitte zwanzig mitansehen musste, zeitlebens nicht erinnert werden wollte (wie sehr viele aus ihrer Generation und auch aus der Generation derer, die damals noch Kinder waren). Hier ist der Ton des Berichts ein anderer, und auch die Quellen sprudeln reichlicher, schließlich bewegen wir uns im Bereich der eigenen Familiengeschichte. Indem das kleine Glück der Großmutter in den nahezu idyllischen 50er und 60er Jahren mit viel Sympathie und ohne jede Häme erzählt wird, auch das Altersglück in den 80er und 90er Jahren, bekommen die Opfergeschichten retrospektiv eine beklemmende Wucht, denn nun lässt der so sachliche Ton sie als Skizzen wirken, die unserer Imaginationskraft aufhelfen sollen: Stellt euch vor – so der stumme, aber überaus wirksame Appell der Autorin –, stellt euch vor, wie das Leben der in Engerhafe gestorbenen Gefangenen (und nicht nur der elf, deren Geschichten wir nun in kargen Zügen kennen, sondern aller 188) gewesen wäre in den womöglich nahezu idyllischen 50er und 60er Jahren und im Altersglück der 80er und 90er.

Spätestens hier schlägt der Text, der lange wie ein Sachbuch im Reportagestil daherkommt, in Literatur um, in mit Herzblut geschriebene Literatur, deren Leidenschaft sich vollauf vermittelt. Niemand wird Elli ihr Glück missgönnen, aber der Skandal des Unglücks der 188 wird auf diese Weise unmittelbar sinnfällig und aufs Berührendste offenbar – und mit ihm der Skandal des Nationalsozialismus und der deutschen Barbarei, der sich nicht entsorgen lässt.

Ob das Buch freilich viele Leser findet, muss bezweifelt werden, da es nicht ins Spartentheater des Buchhandels passt. Ärgerlich auch, dass selbst manche KZ-Gedenkstätten Initiativen wie der von Imke Müller-Hellmann die kalte Schulter zeigen dürften. Für Dachau bspw. wäre das Buch wohl viel zu unwissenschaftlich, zu gefühlig, zu wenig zunftgerecht recherchiert. Wenn aber schon die KZ-Gedenkstätten vor diesem überzeugenden Vergegenwärtigungsversuch von Unrechtsgeschichte die Augen schließen, wer soll ihn dann aufgreifen?

Wir Leser wohl, graswurzelhaft. Und dass Imke Müller-Hellmann mit ihrem Projekt Engerhafe noch nicht zu Ende ist, weiß jeder, der das Glück gehabt hat, sie auf Veranstaltungen dort, auf Lesungen in Berlin oder Bremen oder im persönlichen Gespräch zu erleben.

ANDREAS HECKMANN

Imke Müller-Hellmann: Verschwunden in Deutschland. Lebensgeschichten von KZ-Opfern. Auf Spurensuche durch Europa. 184 Seiten. Osburg Verlag, Hamburg 2014. € 19,99.

Der 2009 gegründete Verein Gedenkstätte Engerhafe will eine Gedenkstätte einrichten, die sich den umgekommenen und überlebenden Häftlingen widmen und deren Schicksale erforschen soll. Auf Vorarbeiten dieses Vereins, dessen Mitglied Imke Müller-Hellmann ist, konnte sie in einigen Fällen der Recherche zurückgreifen. Näheres zur Arbeit des Vereins auf der Website gedenkstaette-kz-engerhafe.de.

 

Die nächste Lesung

ist am 17. Januar 2019 in Wildeshausen. Nähere Angaben stehen hier.

Die Bundeszentrale für politische Bildung

hat Leute machen Kleider in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Bei Spiegel Online, taz, FAZ, WeserKurier und Radio Bremen

erschien dieses Interview, diese Rezension und diese sowie jener Bericht und dieses Interview.

Übersetzt

wurde Verschwunden in Deutschland ins Niederländische: "Verdwenen in Duitsland".

Der WeserKurier schrieb im Januar 2018 über das Buch so.

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