Paul

 

Eines Tages werde ich aus dem Haus gehen

und ich trage mein schönstes Kleid.

Ich werde durch die Straßen streifen

und ich nehme mir dabei Zeit.

Und die Leute werden mich ansehen,

niemand wird mir drohen, niemand wird mich schlagen.

Und sie werden mich freundlich grüßen

und Respekt auf ihren Lippen tragen.      

 

Früchte des Zorn: Mein schönstes Kleid

 

Paul ruft mich an, wenn er ein neues Paar Damenschuhe kaufen will. Wir sind Freunde und wir kennen uns gut. Er ruft an, wenn er ausgehen mag oder wenn er traurig ist. Aber wenn er vor dem Schuhladen steht, dann hat seine Stimme einen besonderen Klang. Immer soll ich mich beeilen, nie habe es je solche Schuhe gegeben. «Ne, ist klar», sage ich dann und lege auf. Ich kann Schuhe shoppen nicht leiden. Paul weiß das und das Handy klingelt erneut. «Wirklich wichtig», sagt er, und: «Komm vorbei! Das ist ein Befehl.»

 

Paul und Befehl, das passt zusammen wie Sommer und Schnee. Paul ist klein und schmächtig und wenn er traurig ist, beteuert er, dass seine Seele ein Mädchen sei, und nur deswegen wäre alles so kompliziert.

 

Ich fluche also, rolle mich von meinem Sofa und mache mich auf in die Stadt. Unsere Stadt ist klein und voller Touristen. Im Winter fahren sie Ski und im Sommer stellen sie ihre Wohnwägen auf einen schachbrettartig angelegten Campingplatz und laufen in den umliegenden Bergen herum. Restaurants haben wir viele. Schuhladen nur einen. Zum Leidwesen Pauls. Mir ist das egal, ich trage eh nur Turnschuhe. Paul kapiert das nicht. Er sagt: «Du darfst und du sollst sogar! Fummel und Schmuck, die ganze Pracht! Und du nimmst Turnschuhe und Jeans?» Ich sage: «Das Sollen ist die Frechheit daran.» Paul rollt dann mit den Augen.

 

Ich finde, Paul muss in die Großstadt. Er muss raus aus dem Provinzmief hier, er hat den Mief schon im eigenen Kopf. Er denkt, dass er es ist, der die Probleme macht, und wenn er anders wäre, dann wäre es gut. Ich sage dann: «Im Gegenteil, Fräulein. Nicht du machst den anderen die Probleme. Die anderen machen sie dir.»

 

Paul und ich gehen zusammen zur Schule. Wir sitzen nebeneinander. Paul kommt in allen Fächern gut klar. Nicht wie ich. Ich halte mich gerade so. Paul will, dass seine Mutter sich freut. Meine Mutter freut sich eh. Ich glaube, das ist der Unterschied. Sie sagt: «Nie darfst du so tief sinken», und ich ergänze: «von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken.» Sie klopft mir dann anerkennend auf die Schulter. Einmal war ich mit Paul bei ihm zu Hause. Paul wohnt mit seiner Mutter allein. Sie haben eine winzige Wohnung und in der Küche roch es nicht gut, Putzmittel, Bohnerwachs oder dergleichen. Pauls Mutter war groß und hager und hat mich durchdringend angesehen. Sie hat keine Miene verzogen. Ich habe ihr meine Hand gereicht und sie hat sich umgedreht und gesagt: «Paul, das ist kein Mädchen für dich.» Paul hat danach gesagt: «Wir treffen uns besser bei dir.»

 

Ich weiß nicht, wie oft Paul mich schon angerufen hat, um das mit den schönsten aller Schuhen zu erzählen. Sicherlich schon mehr als ein Dutzend Mal. Er spart sein ganzes Geld auf die Schuhe und ich muss ihn dann begleiten. Er hat mir damals, als wir bei ihm waren, sein Versteck gezeigt: Stehordner, inmitten seiner Schulunterlagen und Bücher. In jeden Ordner passen ein Paar mit hohem Absatz oder zwei bis drei flache Paare. Einige hat er schon aussortiert. Er hat sie mir in die Schule gebracht, und gebeten, sie für ihn aufzubewahren. Er meinte, das Versteck würde unsicher werden, wenn die Anzahl der Ordner überhand nähme. Deswegen habe ich auch ein paar solcher Schuhe zu Hause. Ich schwöre, nur deswegen. Ein Freundschaftsdienst. Sonst kommt mir kein Fummel ins Haus.

 

Paul stand nicht direkt vor dem Schuhladen, gestern, er wartete auf mich vor der Eisdiele. Er winkte mir von weitem schon zu. Auf eine Art liebe ich Paul. Ich muss auf ihn acht geben. Er passt in diese Welt nicht hinein. Wir würden passend gemacht, hat meine Mutter früher geschimpft, und gesagt: «Sei immer so, wie du bist.» Paul will nicht so sein wie er ist.

 

«Die Roten!» Paul zeigte mit dem Finger durch das Schaufenster des Schuhladens auf ein Paar grässliche Pumps. Ich übertreibe nicht. Sie waren eine einzige Zumutung. «Geht gar nicht», habe ich gesagt, «Paul, bei aller Liebe, das kann ich nicht bringen!» Paul hat meine Hand genommen und mich flehend angesehen. «Bitte! Nur noch heute. Ich schwöre es. Das nächste Mal gehe ich allein.» Ich musste lachen. «Du gehst allein? Da rein und sagst: Einmal die Roten, bitte?» Paul sah durch die Schaufensterscheibe auf seine Schuhe. «Ich gehe da rein und sage: Haben Sie die auch in anderen Farben? Meine Größe ist 39.» Ich ließ seine Hand los, ich sagte: «Soso.»«Spaß» sagte er, «natürlich frag ich das nicht. Rot ist unschlagbar am schönsten.»

 

Einmal hatte ich Paul überredet. Wir sind in die Großstadt gefahren. Ich hatte alles organisiert. Paul hatte seinen Fummel dabei und wir wollten auf eine große Party. Wo andere sind, so wie er. Es wurde nichts daraus. Der Abend war ein Desaster. Paul hockte auf dem Hotelbett und weigerte sich, auch nur den Raum zu verlassen. «Es geht nicht! Das verstehst du nicht. Ich kann das nicht tun!» Er hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und hat mich verzweifelt angesehen. Ich habe es in der Tat nicht verstanden. Aber ich konnte ihm nicht böse sein. Wir haben uns Videos ausgeliehen und Schiffe versenken gespielt. Wir haben auf dem Hotelbett herumgelegen. Die Übernachtung hat ein Vermögen gekostet. 

 

Wir sind vom Schuhladen zurück zur Eisdiele gegangen. Wir brauchten noch Zeit. Unseren Mut zusammenzunehmen. Paul hat alle roten Sorten zweimal bestellt. Dabei mag ich rote Sorten nicht gerne, er weiß das genau. Er war abgelenkt, irgendetwas war mit ihm passiert. Wir saßen im Café und mit jedem Löffel Eis, den er sich in den Mund schob, sagte er, wie es sein wird: «Guten Tag, ich hätte gerne die Roten, Schuhgröße 39.» Er sah mich an. «Ist doch gar nicht so schwer.“ Im Café war es voll und laut und ich lehnte mich vor, um Paul zu verstehen. «Und dann nehme ich die Roten mit nach Hause, eine Papiertüte mit eleganten Henkeln. Ich ziehe den Karton heraus und hebe den Deckel ab. Ich stelle meine neu gekaufte Pracht auf das Schuhregal, oben auf, am Anfang des Flurs.» Er sah vor sich hin und strich mit dem Löffel das Eis glatt. «Und dann gehe ich aus. Ich trage meine neuen Schuhe und mein schönstes Kleid. Ich streife durch die Straßen. Und ich nehme mir dabei Zeit.» Ich habe Paul angesehen. Ich habe mir das alles vorgestellt. Ich habe den Gedanken an seine Mutter verscheucht. Erst Recht den Gedanken an Männern in Gruppen, auf die er bei seinem Spaziergang träfe. Paul hat immer weiter geredet. Er hatte rote Flecken in seinem Gesicht und er hat sich eine Strähne aus der Stirn gepustet. «Ich werde mich schön fühlen. Verstehst du? Richtig schön. Täglich gehe ich dann aus.» Er stützte sein Kinn in die Hand und ich wunderte mich. Solche Sätze hatte ich aus seinem Mund nie gehört. Er schwieg und stocherte im Rest von seinem Eis herum. Dann, plötzlich, hielt er sich die Hände vor das Gesicht und schluchzte. «Meine Mutter hat die Ordner entdeckt. Kann ich ab jetzt bei dir wohnen?» Ich legte den Löffel beiseite, ich berührte ihn an der Schulter. Ich sagte: «Na klar, Paul. Ehrensache. Na klar.»

 

Wir sind in den Schuhladen gegangen. Ich habe die roten Pumps aus dem Regal genommen und noch drei weitere Paare. Paul ist auf die andere Seite des Ladens gegangen und hat zwei Paar Männerschuhe geholt. Schön robust und praktisch, ich habe ihm vorher gesagt, worauf er achten soll. Er kam mit seiner Beute rüber, wir waren schnell gewesen, jetzt stürzte die Verkäuferin auf uns zu. Ob sie uns helfen könne. «Nein danke», sagte ich laut, «wir machen das lieber allein.» Sie blieb bei uns stehen. Wir setzten uns nebeneinander und zogen die Schuhe aus. Ich sagte: «Wirklich. Es ist sehr nett von ihnen, aber wir wären jetzt gerne allein.» Paul nestelte konzentriert an seinen Schnürsenkeln herum. Er war knallrot im Gesicht. Er konnte das nicht. Immer war ich es, die die deutlichen Ansagen machte. Die Frau zog sich in den hinteren Teil des Ladens zurück. Blitzschnell wechselten wir die Paare. Paul zog sich die Pumps an. Seine Knöchel sahen hinreißend aus. Ich stieg in ein paar breite Lederschuhe, eine Mischung aus Wander- und Straßenschuh, ich war begeistert. Ich stand auf, um zu testen, wie gut ich in ihnen laufen könne. Paul stand auch auf und ging vorsichtig zu einem Spiegel. In diesem Moment kam die Verkäuferin hinter einem Regal hervor. In der Hand hatte sie die Pumps in schwarz. «Ich habe auch andere Farben da.» Sie sah mich an, sah an mir herunter, legte die Stirn in Falten und drehte sich um. Paul stand vor dem Spiegel und lief noch röter an. Die Frau ließ den Schuh fallen und da passierte es. Paul trat mit den Pumps an seinen zarten Füßen gegen das Regal in der Mitte. Einfach so. Das Regal krachte um und die Schuhe fielen kreuz und quer durcheinander. Die Verkäuferin stand mit offenem Mund im Raum. Dann rannte sie zu ihrem Verkaufstisch. Sie griff zum Telefonhörer aber Paul war hinterhergelaufen und riss ihr den Hörer aus der Hand. Ich habe Paul noch nie so erlebt. Ich hätte ihm das nicht zugetraut. Ehrlich, ich glaube, er hätte sich das selber nicht zugetraut. Er riss das Telefon kurzerhand aus der Wand. Er sagte, ganz freundlich, zu der Verkäuferin: «Keine Angst, wir tun Ihnen nichts. Ehrlich wahr.» Dann drehte er sich um und sah mich an. In seinem Blick war Stolz. Die Verkäuferin rannte auf die Kundentoilette und sperrte sich ein. Ich bin am Wandregal entlang gegangen und habe mit ausgestrecktem Arm alle Schuhe herunter gerissen. Paul konnte auch weiterhin mit den roten Pumps ziemlich gut treten. Ich dachte immer, so etwas geht mit hohen Absätzen nicht. Er trat alle Regale um und schrie dabei ziemlich laut. Ich glaube, wir haben die Unterteilung in Frauen- und Männerschuhe gut durcheinander gebracht. Überall lagen Schuhe. Wir warfen die Paare aus den Regalen. Wir rissen die Bezeichnungen ‚Herren’ und ‚Damen’ herunter, wir warfen sie zu den Haufen dazu. Kein Regal ließen wir stehen. Es ging alles sehr schnell. Dann rannten wir aus dem Laden. Liefen durch Seitenstraßen. Paul in seinen Pumps und ich mit den Wanderschuhen. Auch laufen konnte Paul damit gut. Erstaunlich. Wir erreichten den großen Park. Außer Atem. Wir ließen uns auf eine Bank fallen. Wir lachten, bis wir nicht mehr konnten. Und als wir uns endlich beruhigt hatten, fuhren wir in die nächstgrößere Stadt. Wir streiften durch die Straßen. Wir flanierten den ganzen Tag. Wir nahmen uns dafür richtig Zeit.

 

Die nächste Lesung

ist am 17. Januar 2019 in Wildeshausen. Nähere Angaben stehen hier.

Die Bundeszentrale für politische Bildung

hat Leute machen Kleider in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Bei Spiegel Online, taz, FAZ, WeserKurier und Radio Bremen

erschien dieses Interview, diese Rezension und diese sowie jener Bericht und dieses Interview.

Übersetzt

wurde Verschwunden in Deutschland ins Niederländische: "Verdwenen in Duitsland".

Der WeserKurier schrieb im Januar 2018 über das Buch so.

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